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Der Roggenanbau in Tirol in vergangenen Zeiten
Der Roggenanbau in Tirol in vergangenen Zeiten

Der Roggenanbau in Tirol in vergangenen Zeiten

Der Roggenanbau in Tirol in vergangenen Zeiten

Wenn wir vom Getreideanbau im Allgemeinen und vom Roggenanbau im Speziellen in Tirol sprechen, müssen wir berücksichtigen, dass in vergangener Zeit der Großraum Tirol Nord-, Süd- und Welschtirol umfasste. Der Roggen wurde in Tirol als Korn bezeichnet. Korn nennt man jenes Getreide aus dem das Hausbrot gebacken wurde. Dabei bildet Südtirol die südliche Grenze der sogenannten Roggenbrotesser. Alle Romanen und ein Großteil der Schweiz sind Weizenbrötler. Deutsch und welsch unterscheiden sich bis in die heutige Zeit unter anderem durch das Brot.

Wesentlich bedeutsamer als die geografische horizontale Ausdehnung des Roggenanbaus ist die vertikale ökonomische Ausdehnung. Der Bergbauer war demnach der klassische Roggenbrotesser. Es kam aber durchaus vor, dass in Notzeiten zum Hafer- bzw. Gerstenbrot gegriffen werden musste. In den Städten und den größeren Siedlungen in den Talniederungen war bereits seit dem Mittelalter das Weizenbrot das tägliche Brot der wohlhabenden Bürger.

Bedingt durch klimatische Vorteile war der Raum Südtirol begünstigt gegenüber Nordtirol. Besonders gerühmt wurde der Roggen aus: Vintschgau, Ritten, Ulten, Brixen und dem Jaufental. Dieser Roggen wurde teilweise als begehrter Saatroggen gehandelt. So wussten alte Bauern aus dem Jaufental zu berichten, dass sie manchmal die ganze Roggenernte als Saatgut verkauft haben. Andere bekannte Roggensorten waren: Telfeser, St. Johanner, Oberperfußer und der Rieder Roggen. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich dann immer mehr wissenschaftlich entwickelte Roggensorten wie Petkuser Roggen und die Otterbach Sorte durchgesetzt.

In Nordtirol und den östlichen Teilen Südtirols wurde der Roggen ganz selten über 1500 Meter angebaut. Hingegen in den begünstigten südlicheren Regionen Südtirols wurde versucht Roggen bis auf eine Höhe von 1900 Meter anzubauen.

Über die verschiedenen Anbaumethoden und auf welche Umstände besonders achtgegeben werden muss, geben uns viele Bauernregeln Auskunft. In diesem Zusammenhang seien bespielgebend zwei wichtige Grundregeln erwähnt. Bei der Auslese für das Saatgut hat man immer das schönste Getreide als Saatgut verwendet und man hat widerstandsfähigere Samen aus höheren Lagen geholt bzw. gezüchtet, um dann in begünstigteren Lagen einen besseren Ertrag zu erzielen.

Bereits aus dem Jahre 1300 liegt ein Verzeichnis der Einnahmen der Gerichte und Ämter der Tirolischen Landesfürsten vor. Hier sind allerdings nur die Einnahmen berücksichtigt, nicht aber der Verkauf und der Eigenverbrauch. Trotzdem kann man erahnen, welche Bedeutung die einzelnen Getreidearten damals hatten. Der Roggen war schon damals die mit Abstand wichtigste Getreideart, denn Gerste und Hafer als weitere wichtige Getreidearten erreichen nicht einmal zusammen den Roggen. Unbedeutend in dieser Zeit der Weizen, wenn man bedenkt, dass der überwiegende Teil des Weizenanbaues an die fürstlichen Höfe abgeliefert werden musste.

Am Beginn des 17. Jahrhunderts kann man aufgrund der vorhandenen Unterlagen ein wesentlich besseres Bild vom Getreideanbau in Nordtirol zeichnen. Noch immer liegt der Roggen deutlich voran, jedoch nicht mehr so dominant. Es wird zwar immer so viel Roggen angebaut, wie Gerste und Hafer zusammen. Besonders stark zugenommen hat in dieser Zeit der Weizenanbau, der bereits an zweiter Stelle kommt. Hier muss allerdings wiederum erwähnt werden, dass ein Großteil des Weizens wahrscheinlich für die fürstlichen Höfe und den städtischen Bereich bestimmt war. Beim Weizenanbau stehen sich die beiden Inntäler scharf gegenüber. Der überwiegende Teil des Weizenanbaues erfolgt im Unterinntal und im Großraum von Innsbruck.

Die absolute Veränderung der Getreideanbauflächen erfolgt allerdings am Beginn des 20. Jahrhunderts. Lassen sich im 19. Jahrhundert kaum Veränderungen erkennen, so ist der Beginn des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet von gravierenden Veränderungen. Einige Tabellen, mit dem Schwerpunkt Reutte (Außerfern), sollen dies verdeutlichen:

Getreideflächen 1836 in ha
Region - Weizen - Roggen -  Gerste - Hafer - Mais - Zusammen

Reutte - 28 - 100 - 390 - 650 - 0 - 1166
Innsbruck - 446 - 1750 - 1250 - 415 - 2040 - 5901
Nordtirol - 4065 - 10003 - 6749 - 5274 - 6874 - 32995 

 

Getreideflächen um 1900 in ha
Region - Weizen - Roggen -  Gerste - Hafer - Mais - Zusammen 

 Reutte - 0 - 38 - 135 - 45 - 0 -218
Innsbruck - 141 - 756 - 312 - 125 - 556 -1890
Nordtirol -3464 - 7496 - 3423 - 2162 - 3693 - 20238

 

Was waren nun aber die Ursachen für diesen gravierenden Einbruch? Vorweg muss gesagt werden, dass diese 2 Tabellen bei einer genauen wissenschaftlichen Bearbeitung nicht ausreichend wären, weil wesentlich mehr Faktoren zu berücksichtigen wären, z. B. Bevölkerungsentwicklung, technische und chemische Errungenschaften im Bereich der Landwirtschaft.

Trotzdem kann man einige signifikante Gründe für die massiven Veränderungen anführen: 

  1. Die Transportmöglichkeiten haben sich im letzten Quartal des 19. Jhd. in Tirol ganz entscheidend verbessert (Eisenbahnverkehr). Billiges Getreide (Kornkammer Ungarn) konnte damit erstmals in großen Mengen importiert werden. 
  2. Die Landwirtschaft wurde auf die wesentlich ertragreichere Viehwirtschaft umgestellt. Viehtransporte mit der Bahn waren über weite Strecken möglich geworden. 
  3. Der Kartoffelanbau und der Kartoffelverzehr waren weiterhin im Vormarsch. 
  4. Die ersten Auswirkungen der Industrialisierung am Ende des 19. Jhd. machen sich auch in Tirol bemerkbar. Urbanisierung/Industrialisierung versus Landflucht

Literaturnachweis:
Zur Geographie des Getreideanbaues in Nordtirol, Schlern-Schriften 1948, Arbeit aus dem Geographischen Institut der Universität Innsbruck, Hans Telbis
Brot im südlichen Tirol, Rachwiltz, Arunda Verlag,1980
Das Brot der Bergbauern, Hermann Wopfner, Sonderabdruck aus der Zeitschrift des Deutschen Alpenvereins 1939

  • Dieser besondere Artikel wurde uns dankenswerterweise vom Bäckermeister Mag. Karl Eller zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Auf seiner Website "Brotbacken einfach gemacht" finden Sie Termine seiner Kurse, weitere Brotgeschichten - und verschiedene,  in der Praxis oft erprobte Brotrezepte, unten denen sich auch Bauernbrote des Alpenraumes befinden.