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Kleines Knabenkraut | Anacamptis morio (L.) R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase

Kleines Knabenkraut

Botanischer Name: 
Anacamptis morio (L.) R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase
andere Namen: 
Orchis morio
andere Namen: 
Anacamptis morio
andere Namen: 
Narrenkappe
andere Namen: 
Salep-Knabenkraut
andere Namen: 
Satyrion
andere Namen: 
Bockshödlein
andere Namen: 
Fuchshoden
andere Namen: 
Geilwurz
andere Namen: 
Gauchblume
andere Namen: 
Hans und Grete
andere Namen: 
Adam und Eva
andere Namen: 
Buabakraut
andere Namen: 
Liebeswurz
andere Namen: 
Nachlaufwurz
andere Namen: 
Frühlings-Knabenkraut
andere Namen: 
Kleine Hundswurz
andere Namen: 
Grünflügelige Orchidee
Familie: /
Unterfamilie:
Tribus:
Untertribus:
Gattung: /
Art: Anacamptis morio (L.) R.M.Bateman, Pridgeon & M.W.Chase / Kleines Knabenkraut
Kommt in Mitteleuropa wild bzw. ausgewildert vor: JA!
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Das Farbspektrum der Blüten des Kleinen Knabenkrautes reicht von Violett über Purpur, Rot, Rosa bis zu Weiß, jedoch zeigen die Petale (= Seitenteile des Blütenhelms) arttypisch immer grünliche Streifen.

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Kleines Knabenkraut, Standort: Österreich

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Das Bild zeigt ungeteilte und geteilte Wurzeln von Knabenkraut-Arten mit veralteten Benennungen:  Links "Kleines Knabenkraut" (Anacamptis morio, Syn. Orchis morio), rechts: „Geflecktes Knabenkraut“ („Flecken-Fingerwurz“, Dactylorhiza maculata) 

Dr. L. Klein "Unsere Wiesenpflanzen"
Bild 1: Bildausschnitt: Einzelblüte des Kleinen Knabenkrautes mit arttypischen Merkmalen
Quelle Bild 1: Bild-Urheber: Joachim Lutz
Bild 2: Das Farbspektrum der Blüten des Kleinen Knabenkrautes reicht von Violett über Purpur, Rot, Rosa bis zu Weiß, jedoch zeigen die Petale (= Seitenteile des Blütenhelms) arttypisch immer grünliche Streifen.
Quelle Bild 2: Bild-Urheber: Orchi
Bild 3: Kleines Knabenkraut, Standort: Österreich
Quelle Bild 3: Bild-Urheber: Liuthalas
Bild 4: Das Bild zeigt ungeteilte und geteilte Wurzeln von Knabenkraut-Arten mit veralteten Benennungen:  Links "Kleines Knabenkraut" (Anacamptis morio, Syn. Orchis morio), rechts: „Geflecktes Knabenkraut“ („Flecken-Fingerwurz“, Dactylorhiza maculata) 
Quelle Bild 4: Dr. L. Klein "Unsere Wiesenpflanzen"
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Bild 5: Altes österreichisches Apothekergefäß. Salep führt die Apotheke heute nicht mehr.
Bild 6: Diese ausdrucksstarke  Troccas Karte "Der Narr" (Jocker) zeigt das Outfit des Narren in seinen Narrenfarben, den sogenannten Schandfarben einschließlich der Teufelsfarbe. Seine Linke hat er zur Manu cornuta, dem Teufelsgruß, erhoben.
Bild-Urheber: Johannes G. Rauch
Bild 7: Apothekerflasche mit "RADIX SALEP PULVIS" (Salep-Pulver) als Etikettierung
Bild-Urheber: Dr. Bernd Weber, Diplom-Biologe

Das Kleine Knabenkraut, vor 100 Jahren in Europa noch zahlreiche Orchideenwiesen bildend, fiel in den letzten Jahrzehnten der menschlichen Maßlosigkeit beinahe zum Opfer.

 

 

BESCHREIBUNG,  STANDORTE

 

Mit den ersten Frühlingsblühern treibt diese, vom Aussehen her robuste, jedoch konkurrenzschwache Wildorchidee aus ihrer unterirdischen Speicherknolle einen kräftigen 10 bis 35 cm hohen Stängel, der bodennah von einer wintergrünen Rosette aus lanzettlichen, grünen, ungefleckten Laubblättern umgeben ist, von einigen anliegenden Stängelblättern umhüllt wird, sich oben purpurn überlaufen zeigt und einen blütenreichen Kopf der Sonne entgegenstreckt, wartend auf kleine, geflügelte Bestäuber wie Wildbienen, Wildhummeln und Fliegen.

Die Farbe des Blütenstandes, der aus 5 – 25 relativ großen, zylindrisch und locker angeordneten Orchideenblüten besteht, ist sehr variabel und reicht von Purpurviolett über Violett, Rot, Hell- und Dunkelrosa bis hin zum seltenen Weiß.

Jede einzelne Orchideenblüte des Blütenstandes

  • trägt in ihrem unteren Teil auf der Vorderseite als Landeplatz für Insekten eine mindestens 1,5 x so breite wie lange, schwach dreilappige Lippe, deren Basis und Mitte als „Anflugbahn“ stets eine flächige, zungenförmige, helle Zeichnung mit groben, dunkleren Flecken zeigt. Auf der Rückseite ist die Lippe zu einem schlauchigen Sporn verlängert, der schräg nach oben steht und, die Bestäuber „närrisch“ täuschend, keinen Nektar, keine Leckerei enthält. (Täuschblume)
  • Im oberen Blütenteil bilden die drei Blütenblätter einen lockeren, etwas rundlichen Helm, dessen Seitenteile, die Kronblätter (Petale), innen und außen arttypisch mit grüngelben bis dunkelgrünen Streifen versehen sind, und der - zusammen mit dem schräg nach oben gerichteten Blütensporn - wie eine kleine Zipfelmütze mit langem Zipfel wirkt.

Die Blütezeit des Kleinen Knabenkrautes dauert, wie ein weiterer deutscher Name, nämlich Frühlingsknabenkraut, andeutet, je nach Standort und Winterende, von Mitte April bis Anfang Juni.
Während der Blüte baut es, um für eine neue Pflanze im darauffolgenden Jahr vorzusorgen, eine zweite Wurzelknolle, eine sogenannte Tochterknolle, während die andere, die Mutterknolle, langsam zu schrumpeln beginnt, aber noch die Samen zur Reife bringt, die dann bereits Juni bis Anfang Juli die trockene Kapsel verlassen.

Zu finden ist das Kleine Knabenkraut … Ja, hier beginnt sein Problem, denn leichter zu beantworten ist, wo es zu finden war:

Noch bis vor 50 Jahren verwandelten sich im Frühling vom Flachland bis ins Gebirge ausgedehnte, meist bodensaure Magerwiesen, magere Feuchtwiesen, Halbtrockenrasen und lichte Waldwiesen in blühende Orchideenwiesen mit seinem häufigsten Vertreter, dem Kleinen Knabenkraut, das sich hier wohl fühlte und stark vermehrte ... sofern der Standort unverändert blieb, die Wiese nur einmal gemäht, und zwar erst nach der Selbstaussaat der kleinen Wilden, und das Mähgut entfernt wurde.  Das Kleine Knabenkraut war so häufig, dass man es auch als Gemeines Knabenkraut bezeichnete. Gemein im Sinne von gewöhnlich ;)

Großangelegte Überdüngungen, Erweiterungen von Ackerland, Einsatz von Pestiziden, Trockenlegungen, Verbauungen seiner Lebensräume und Raubgrabungen seiner – leider essbaren - Knollen ließen jedoch diese Pflanze, die einst zu den häufigsten europäischen Wildorchideen zählte und deren Verbreitungsgebiet von Südskandinavien über Europa bis zur nordafrikanischen Küste und bis nach Vorderasien reichte, beinahe verschwinden.

Aufgrund seiner im Jahre 1979 durch die Berner Konvention erfolgten Unterschutzstellung hat es in entsprechenden Lebensräumen von Naturschutzgebieten überlebt. Desweiteren in Gebieten, die von Landwirten nach den Richtlinien ihrer mit der Naturschutzverwaltung abgeschlossenen Pflegeverträgen bearbeitet und in Gebieten, die von staatlichen Pflegetrupps betreut werden. In diesen Lebensräumen kann es sich erholen und tritt dann stellenweise sogar wieder häufiger auf. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei heute allgemein um eine seltene Wildorchideenart handelt, deren Bestandsentwicklung trotz gesetzlicher Schutzmaßnahmen weiterhin stark rückläufig ist und dass sie europaweit zu den gefährdeten Arten, regional sogar zu den stark gefährdeten Arten zählt!

Vielleicht haben Sie das Glück, eine Wildorchidee zu entdecken, von der Sie annehmen, dass sie ein Kleines Knabenkraut sein könnte!? Bei Ihren Überlegungen kann Ihnen die Kenntnis seiner weiter oben genannten oberirdischen, typischen Kennzeichen helfen:

ungefleckte Laubblätter

Blüten-Helmchen mit grünlich gestreiften Seitenteilen

schräg aufgerichteter, kräftiger Blütensporn.

Verwechselt werden kann es 

  • im Entwicklungsstadium der fertigen Blattrosette, jedoch noch ohne Stängel, mit der tödlich giftigen Herbstzeitlose, die im Frühling ebenfalls einen grünen Blätterschopf ausbildet, ihre Blüten jedoch erst im Frühherbst zeigt,
  • blühend mit dem Männlichen Knabenkraut, das jedoch keine grünlichen Streifen des Blütenhelms besitzt. Seine Laubblätter können einfarbig grün, aber auch gefleckt oder gesprenkelt sein. 
  •  Desweiteren gibt es eine gewisse Verwechslungsmöglichkeit mit der Breitblättrigen Fingerwurz, deren Blätter jedoch stets gefleckt sind.

 

NAMEN

 

Sein unterirdisches, typisches Kennzeichen, die beiden hodenähnlichen Wurzelknollen, löste über Jahrtausende gewisse Assoziationen aus, die seine Verwendung maßgeblich bestimmten und ihm nicht nur zu seinen vielen deutschen Namen (Knabenkraut, Fuchshödlein,  Bockshödlein, Hasenhödlein, Geilwurz, Knabenwurz, Liebeswurz, Nachlaufwurz, Knabenmännlein, Heiratsblume, Heiratskraut, Storchkraut) verhalf, sondern ebenfalls seinen ehemaligen botanischen Namen verursachte sowie den Namen einer Pflanzengattung und den Namen der Pflanzenfamilie, deren Mitglied es ist:

Im Hinblick auf die hodenähnliche Gestalt seiner Wurzel bezeichnete bereits im 4. Jh. v. Chr. der griechische Naturforscher Theophrastos von Eresos in seinem Werk „Historia plantarum“ das Kleine Knabenkraut  mit dem Namen  orchis,  was sowohl im Altgriechischen als auch im Neugriechischen  Hoden  bedeutet. (Quelle) Auch der Name der weltweit zweitgrößten Pflanzenfamilie, der Orchideen bzw. Orchidaceae und der botanische Name einer Gattung der Knabenkräuter, nämlich Orchis, leiten sich davon ab.

Weitere Bezeichnungen für die Gruppe wildwachsender Erdorchideen mit hodenförmigen Wurzeln sind Stendelwurz, Standwurz oder Satyrion. Letztere Bezeichnung existiert seit der Antike und weist auf die Verbindung dieser Orchideengruppe zu den lüsternen Satyrn hin.
 

Was der botanische Name des Kleinen Knabenkrautes verrät:

Das Kleine Knabenkraut selbst hieß botanisch seit Linné beinahe 250 Jahre „Orchis morio“, … bis es 1997 gemäß The Plant List aufgrund genetischer Untersuchungen der Orchideen-Gattung der Hundswurzen (Anacamptis)  zugeteilt wurde.
Die Artbezeichnug morio ist ihm geblieben. Sein botanischer Name lautet also jetzt Anacamptis morio (L.) R.M.BATEMAN, PRIDGEON & M.W.CHASE. - Logischerweise folgert daraus ein weiterer deutscher Name, nämlich Kleine Hundswurz. - 
Aber nach wie vor bezeichnet man diese wildwachsende Erdorchidee oft als Kleines Knabenkraut und verwendet den alten bot. Namen Orchis morio L., der als Synonym seines jetzigen immer noch Bestand hat.  

Seine Artbezeichnung morio hatte, laut H. Genaust, Linné damals  von C. Bauhin (1560 – 1624) übernommen. Sehr wahrscheinlich leitet sie sich vom lateinischen morio (deutsch: Narr, Hofnarr) ab, da der obere Teil jeder seiner Blüten als Blütenhelm mit grüngelbem bzw. dunkelgrünem Streifenmuster und relativ langem Blütensporn ("Zipfel") der über Jahrhunderte gebräuchlichen Narrenkappe ähnelt.

  • Diese Narrenkappe entwickelte sich im 14. Jh. aus der damals weit verbreiteten Alltags-Kopfbedeckung, der sogenannten „Gugel“, einer Kapuze, die von Männern und Frauen jeglichen Standes getragen wurde. Die Gugel des Narren unterschied sich jedoch von der herkömmlichen Gugel. Sie war bunt: Oft wurde die Farbe  Rot,  als Symbol für Leidenschaft und Aggression, zusammen mit den Farben  Gelb  und  Grün  verwendet, die in ihrer negativen  Bedeutung als Schandfarben den Narren als Außenseiter kennzeichneten. Gelegentlich kam ein intensives Indigoblau als „Teufelsfarbe“ hinzu.
    Außerdem war die Gugel des Narren mit einem oder mehreren besonders langen Kapuzenzipfeln versehen – wie auch das Kleine Knabenkraut einen langen, u.z. aufrechten Blütensporn besitzt. 
  • Durch seinen Dresscode und mit seiner – oft vorgegebenen – Dummheit gab sich der Narr, die Menschen faszinierend, der provokativen Lächerlichkeit preis und zeigte sich als gottesferner Frevler. 
  • Zudem wurde mit der Artbezeichnung morio der nachgesagten aphrodisierenden Wirkung des Kleinen Knabenkrautes Rechnung getragen: Hatte doch die Rolle eines echten Narren einen starken Bezug zu übertriebener männlicher Sexualität

 

KLEINES  KNABENKRAUT – EIN  APHRODISIAKUM ?

 

Die hodenähnliche, paarige Wurzelform des Kleinen Knabenkrautes drückte im Sinne der bereits im Altertum verbreiteten Signaturenlehre ihren Stempel nicht nur auf die Namensgebungen dieser Wildorchidee, sondern verhalf ihr auch zu ihrem dubiosen Ruf, ein starkes Aphrodisiakum zu sein. Bei Bedarf und „richtiger Anwendung“ auch ein Anaphrodisiakum:

Der griech.-röm. Militärarzt Dioskurides, er lebte im 1. Jh. n.Chr., beschrieb unter Berücksichtigung ihm zugetragener Informationen in seiner Arzneimittellehre „De materia medica“ Aussehen, Wirkungen und Anwendungen von über 1000 Arzneimitteln. Darunter befindet sich eine Pflanze, die er, wie bereits Theophrastos 400 Jahre vor ihm, als orchis bezeichnet. Aufgrund ihrer Beschreibung versteht Dioskurides laut Berendes unter orchis das  Schmetterlings-Knabenkraut  oder / und eben das  Kleine Knabenkraut = Gemeines Knabenkraut.   Dioskurides erwähnt auch den bereits in der Römerzeit volkstümlichen Namen dieser Orchis, nämlich Hundehoden, und dass sie zwei Arten von Wurzelknollen besitzt: eine diesjährige, große, feste und eine letztjährige, kleinere, zartere, weiche. Jede der beiden Wurzeln rufe, wenn sie gekocht von Mann oder Frau gegessen wird, eine spezielle sexuelle Wirkung hervor. Außerdem könne man dadurch sogar das Geschlecht des Wunsch-Nachwuchses bestimmen (-> deutscher Name „Storchkraut“!). Zitat: …  erzählt man, daß die größere Wurzel, von Männern verzehrt, die Geburt von Knaben bewirke, die kleinere aber, von Frauen genossen, die Geburt von Mädchen. Weiter berichtet man, daß die Frauen in Thessalien die zartere mit Ziegenmilch trinken, um die Liebeslust anzuregen, die feste aber zur Unterdrückung und Abschwächung der Liebesgelüste, ferner, daß durch den Genuß der einen die Wirkung der anderen aufgehoben werde... Nachzulesen hier im III. Buch der „De materia medica“, Cap. 131 f  und in der von Dr. A. Vögtli eingescannte PDF-Version auf Seite 203: Dioskurides.pdf

Abergläubische Geschichten über eine Stärkung der Sexualität und der männlichen Zeugungskraft durch das Verspeisen von rohen oder gekochten Wurzelknollen bestimmter Wildorchideen, die in der griech.-röm. Antike als Satyrion, später, aus dem Arabischen (khus yatus salab = Fuchshoden) abgeleitet, als Salep bezeichnet und gehandelt wurden, kursieren bereits seit dem Altertum in Vorderasien und Europa. 

  • Satyrion war in der Antike ein Sammelbegriff für Aphrodisiaka.  Nachzulesen hier bei Diokurides   oder hier bei  Plutarch. Letzterer meint u.a.: Ich weiß nicht, wie es dazu kommt, dass wir jene Frauen verabscheuen und hassen sollten, die ihre Ehemänner entweder verzaubern oder Liebestränke geben … ob Satyrion sich bemerkbar macht und meine Lust weckt  … 
    • Wurzelknollen von Erdorchideen galten in der griechischen Mythologie als die Hoden des in ein Knabenkraut verwandelten lüsternen Orchis, Sohn eines Satyrs und einer Nymphe . Solche Wurzeln sah man als Träger vermeintlich starker aphrodisierender Wirkung als ein Satyrion an. Sie galten laut Ch. Rätsch in „Heilkräuter der Antike“ auch als Lieblingsspeise der stets hungrigen Satyrn.
  • Die Knollen des einst sehr häufigen Kleinen Knabenkrautes zähl(t)en zudem als Salep zu den Lieblingsspeisen Aphrodisiaka-Hungriger! Es wurde sogar als Salep-Knabenkraut bezeichnet und unter diesem Namen gehandelt.

Die genannten Erdorchideen-Arten wurden dementsprechend gegraben und gehandelt  bzw. werden in den Balkanländern und im vorderasiatischen Raum immer noch gegraben und gehandelt. Zum größten Teil illegal  und den Bestand dieser Wildorchideen ernsthaft gefährdend!

Wie wissenschaftlich festgestellt, stecken jedoch keine wie immer gearteten sexualkraftstärkende Wirkstoffe in den Orchideenknollen! Sie sind ungiftig und liefern leicht verdaulichen, reizmildernden Schleim. Das ist alles.

 

Jedoch nicht die Inhaltsstoffe der genannten Orchideen, sondern eben die Signatur ihrer Wurzeln ließ die Menschen den hartnäckigen Sex-Mythos ersinnen, an dem gewisse Wurzelgraber,  Arzneimittelhändler und Lebensmittelhändler seit jeher gut verdienen. Die Sexmärchen über die „Geilwurzen“ hielten sich dadurch und durch mündliche und schriftliche Überlieferungen ihrer echten und angeblichen Wirkungen über Jahrtausende,  unterschwellig sogar bis in unsere Zeit, auch wenn die Signaturenlehre heute als unwissenschaftlich gilt!

An Glaubwürdigkeit gewann die kolportierte aphrodisierende Wirkung der Orchideenwurzeln durch berühmte Ärzte, Naturforscher und Kräuterbuchautoren:

  • Den roten Faden legte bereits  Galenos, einer der bedeutendsten Ärzte der Antike. Seine umfassenden medizinischen Schriften aus dem 2. Jd. n. Chr. - sie enthalten auch die von  Dioskurides  genannten Wirkungen des Kleinen Knabenkrautes - beherrschten bis in dass 19. Jahrhundert (!) die europäische Heilkunde. Zudem orientierten sich die  Medizinschulen, die  Klostermedizin  sowie die  Väter der Botanik  und die nachfolgenden Autoren von Kräuter- und Medizinbüchern an Dioskurides bzw. an Galenos. Auch bezüglich des Kleinen Knabenkrautes . 
     
  • Selbst  Paracelsus (1493 – 1542) saß diesem Irrtum auf und führte sogar in seinem Sammelwerk „Opera: Bücher und Schriften“ im Buch  „LIBER DE IMAGINIBUS“, Cap. IX, auf Seite 306  die aphrodisierende  Wirkung ungeteilter Orchideenwurzelknollen als Beispiel angewandter Signaturenlehre an. Er bezeichnet sie mit dem antiken Sammelbegriff für Aphrodisiaka als Satyrion. Zitat: Secht an die Wurzel Satyrion, ist sie nicht gestalt wie eines Manns Scham? Niemandt kan anderst sagen/ darumb sie durch die Magicam anzeigt und durch die Magica ist erfunden worden/ daß sie den Mannen ihre verlorene Manheit und Unkeuschheit wider bringt. 
     
  • Ungefähr zur selben Zeit notierte der Schweizer Arzt und Naturforscher Konrad Gesner neben seiner Zeichnung des Kleinen Knabenkrautes: „Die ganze Substanz aller Orchis-Arten scheint nämlich etwas Schaumiges (und wie Sperma-Artiges) zu enthalten.“ (Quelle)
     
  • 100 Jahre später startete in England unter dem Namen Saloop ein Salep-Boom, denn der englische Apotheker Nicholas Culpeper verbreitete durch seinen Bestseller „The Complete Herbal“  auf S. 256 f., die antike Kunde über die ungemeine Nützlichkeit von Salep, der u. a. die Begierde aufs Äußerste zu erregen vermag. 
     
  • Auch im übrigen Europa schwärmte man vom Salep. So findet sich beispielsweise seine den antiken Autoren entsprechende Wirkungsweise in dem Medizinbuch  „Die Kunst, sein eigener Medicus zu seyn“, Jahrgang 1721, auf S. 390, 391.  Das Buch erlebte anschließend noch mehrere Auflagen. 
     
  • Kräuterpfarrer Weidinger empfahl noch im Jahre 1982 auf seiner Teekarte Nr. 124 bei Impotenz des Mannes u.a. die Salepknolle.
    Als deren Ersatz als Aphrodisiakum nennt er die Seifenkrautwurzel . Diese hübsche Pflanze ist wenigstens nicht vom Aussterben bedroht. Ihre Wurzel macht viel Schaum, wenn sie als Waschmittel, anscheinend nicht nur für  Wolle und Seide, verwendet wird und soll dabei die gleiche (Placebo)Wirkung hervorzaubern wie die Knollen der  Knabenkräuter.

 

 

KLEINES  KNABENKRAUT  -  EIN  HEILMITTEL

 

Man sagte den runden bzw. ovalen Wurzelknollen der Knabenkräuter nicht nur große aphrodisierende Kraft nach, sondern auch Nährkraft und Heilkraft. Letztere ist auf ihren Inhaltsstoff Bassorin, ein stark quellbarer Schleimstoff mit reizmildender Wirkung auf die Schleimhaut des Verdauungstraktes, zurückzuführen. 

Dazu wurden die Knollen der „Salep-Orchideen“ gesammelt, vor allem jene des lange sehr häufigen Kleinen Knabenkrautes. Die Knollen wurden gereinigt und anschließend gekocht, um sie zu entbittern. Um sie haltbar zu machen, fädelte man sie zum Trocknen auf Schnüre. Während des Trocknungsvorgangs schrumpften sie, wurden durchscheinend und von hornartiger Konsistenz. Sie kamen entweder in diesem Zustand als Salep, in der Apothekersprache Tubera Salep (= Salepknollen), in den Handel oder als Pulver, ebenfalls unter der Bezeichnung Salep bzw. unter den genaueren Bezeichnungen „Tubera Salep pulvris“, Salepknollen-Pulver, Saleppulver.

Zusammen mit Wasser wurde aus diesem Pulver der Salepschleim (= Mucilago Salep, Salepgallerte) gekocht, der als Kräftigungsmittel sowie bei Husten, Mund- und Rachenentzündung und bei Magen- und Darmbeschwerden, vor allem bei Brechdurchfall, als Speise und / oder als Klistier verabreicht wurde.

Wie man Salepschleim (Salep-Gallerte) selbst herstellt, war in alten und neueren Medizin- und Kräuterbüchern zu finden. Salepschleim (Mucilago Salep) wurde jedoch auch, wie „Hagers Handbuch der Pharmaceutischen Praxis für Apotheker, Ärzte, Drogisten und Medicinalbeamte“ noch 1902 belegt, offiziell in Apotheken zubereitet.

  • So empfahl u. a. der berühmte deutsche Arzt und Volkserzieher Christoph W. Hufeland , der um 1800 lebte, also in einer Zeit, in der Deutschlands Bevölkerungsdichte 56 (heute 232!) Einwohner je km² betrug,  für an Brechdurchfall erkrankte Kinder den Salepschleim als Heil- und Kraftnahrung.

    Gut 100 Jahre später empfiehlt Dr. H. Marzell in seinem vielgelesenen Kräuterbuch "Neues illustriertes Kräuterbuch", die Bevölkerungsdichte ist inzwischen auf 133 je km² gestiegen, bei Brechdurchfall die Salep-Gallerte zu essen und erklärt auch, wie sie gekocht wird.

     2006 bestätigt Apotheker M. Pahlow in einer aktualisierten Neuauflage seines Standardwerkes  "Das große Buch der Heilpflanzen" Heilwirkung und Anwendung von Knabenkrautknollen, führt jedoch – endlich! - als eindringliche Neuerung an, dass heute die Verwendung der Knollen nicht mehr erlaubt und der Handel mit der seltenen Pflanze strikt untersagt ist.

Salep-Knollen sind als Heilmittel ohnehin entbehrlich, denn schleimhautschützende und aufbauende Eigenschaften besitzen auch andere Pflanzen, beispielsweise Hafer, Lein, Malvenarten, Islandmoos, Eibischwurzeln, Flohsamen, Chia.  - Außerdem gibt es schon längst für von Durchfall geschwächte Kinder und Erwachsene heilende Mittel aus der Apotheke, auch wohltuende medizinische Schleime, sodass heute kein Grund mehr besteht, Raubbau an den Wildorchideen zu betreiben und dabei die internationalen und nationalen Orchideen-Schutzgesetze  zu überschreiten! 

 

KLEINES  KNABENKRAUT  IN  DER  TEXTILINDUSTRIE

 

Salepschleim wurde in Europa in der Textilindustrie noch im 19. Jh. als Appretur verwendet, hauptsächlich für Seide und feine Wollstoffe. Er wurde auch in Stofffärberezepte eingearbeitet, wie beispielsweise die „Bekanntmachung von Gewerbs-Privilegien“ des „Intelligenzblattes für den Unter-Mainkreis des Königreichs Bayern. Jahrgang 1831“  zum Bedrucken von feinen Wollstoffen aus Merinowolle, anführt und empfiehlt. 

 

 

KLEINES KNABENKRAUT – EIN  NAHRUNGSMITTEL

 

Zerstörungen und Verbauungen seiner Lebensräume brachten das Kleine Knabenkraut an den Rand seiner Existenz, aber auch die Jagd nach seinen essbaren Wurzelknollen.

Die Wurzelknollen der Knabenkräuter wurden und werden fälschlicherweise immer noch als Spender großer Nährkraft gehandelt, die sie aber, wie sich ernährungsphysiologisch herausgestellt hat, nicht besitzen: 

Obwohl die Wurzelknollen (Salep-Knollen) u. a. neben etwas Zucker, Mineralstoffen und Eiweiß zu einem Großteil (75%) aus Kohlenhydraten (Polysacchariden) bestehen, liefern sie nur einen geringen Energiewert, denn nur 27 % der Kohlenhydrate sind nährende Stärke, der Rest ist - nach neuen Angaben -  wasserunlösliches, aber stark quellbares Bassorin, ein leichtverdaulicher, magenfüllender Schleimstoff mit wenig Energiewert, aber als sämiges bis zähes Verdickungs- und Bindemittel verwendbar.

Wenn man bedenkt, dass Europas Bevölkerung seit dem 19. Jh., als es noch üblich war, auf europäischem Boden für Speisezecke nach Orchideenwurzeln zu graben, bis heute stark angestiegen ist, so kann man verstehen, dass der gut gemeinte Rat auf S. 37 - 39 des „Noth- und Hülfsbüchleins für Arme“ aus dem Jahr 1817 , sich in Bayern mit Hilfe der Wurzelknollen des Kleinen Knabenkrautes mit geringen Kosten ein gesunde und nahrhafte Speise zu verschaffen, heutzutage bei einer bayrischen Bevölkerungsdichte von 185 Einwohnern pro km² (Stand 2018) nicht lange durchführbar wäre, ohne dass die Knabenkräuter bei dem voraussichtlichen Mehr an Wurzelgrabern im süddeutschen Raum - und durch die aktuelle räumliche Mobilität auch in den angrenzenden Gebieten -  in Kürze ausgestorben wäre!

 

Mag früher vielleicht der Verzehr von Speisen aus Orchideenwurzeln, wozu sie in der Fleischbrühe oder in Milch bzw. Wasser, Wein gekocht wurden, auch aus Not geschehen sein, schwingt dabei doch stets als Grundkonstante, vor allem heutzutage, ihre vermeintlich aphrodisierende, sexualkraftstärkende Signatur mit, was die Lebensmittelindustrie in manchen Ländern immer wieder auszunützen versteht, denn „Sex sells“!

Nicht nur, dass Salep-Knollen ohne erkennbare staatliche Genehmigungen unter den Bezeichnungen Salep, Salepi, Sahlab und Sahlep auch im Internet zum Verkauf angeboten werden, selbst auf den großen Online-Markplätzen, erlebt der Verzehr von Salep unter dem Deckmantel der Tradition ein erneutes Aufleben in Ländern, die zwar politisch zerstritten, aber in Bezug auf Salep aus Orchideenknollen einer Meinung sind: Salep stärkt, Salep gibt Identität, Salep bringt Geld! Gleich ob das die Länder mit dem größten Wildorchideen-Konsum, nämlich Türkei und Griechenland, sind oder Albanien, Israel, Westjordanland, Iran, Libanon, Jordanien, Syrien und Ägypten: 

 

Im Sommer ist das zähe, traditionelle Salep-Eis gefragt, im Winter das wärmende Salep-Getränk!

 

  • Salep-Getränk

    Das Salep-Getränk ist, je nach Sprachgruppe, kurz unter den Bezeichnungen Salep, Sahlep , Sachlav und Saloop bekannt.
    In der Blütezeit des Osmanischen Reiches und danach breitete es sich von Vorderasien über den Balkan und das restliche Europa aus. 
    Gekocht wird es original aus Ziegenmilch und Saleppulver, dem sämigen, jedoch fade schmeckenden Verdickungsmittel. Aroma erhält es durch Süßen mit Honig und durch Zimt, mit dem es dekorativ bestreut wird. 

    In England wurde es als Saloop bis ins 19. Jh. an zahlreichen Staßenständen, den Saloop-Ständen, anstelle von Tee und Kaffee, die viel teurer waren, konsumiert.  Dieser Boom endete jedoch abrupt, als behauptet wurde, man behandle mit Saloop Geschlechtskrankheiten, vor allem Syphilis. Damit wollte niemand in Verbindung gebracht werden und trank lieber Tee oder Kaffee. 

    Zur gleichen Zeit wurde in Frankreich eine der ersten Fertigmischungen als Nährpulver bzw. als Kraftmehl unter dem klingenden Namen Racahout des Arabes in Umlauf gebracht, das durch seinen Genuss den Erwerb von Schönheit und Lebensfrische der Haremsdamen suggerierte, denn es enthielt Salep! - Mit Milch aufgekocht avancierte das Getränk zum Hauptfrühstück nicht nur der Erwachsenen, sondern auch der Kinder und machte den Hersteller zu einem reichen Mann. Dazu der Bildlink Werbeplakat „Racahout des Arabes“ von Th. A. Steinlen, 1905. 

    Um den Import der teuren Fertigmischung in den deutschen Sprachraum zu minimieren, wo bereits ein Becher Salep als kraftspendendes, aber billiges Frühstücks-Milchgetränk für Handwerker gebräuchlich war, verriet L. A. Buchner jun. die Zusammensetzung der „orientalischen“ Fertigmischung:  Zucker, Kakaopulver, Kartoffelstärke, Vanille und – Saleppulver.

    Und heute?? 
    Auch heute noch wird Salep als heißes und heißgeliebtes Milchgetränk aus der Zeit der osmanischen Palastküche in den Ländern Vorderasiens und des Balkans in der kalten Jahreszeit, ähnlich wie bei uns Punsch oder Glühwein, zu Hause und im öffentlichen Raum zelebriert, wo Menschen einander begegnen und miteinander in Kontakt treten. Es erfüllt somit u. a. auch eine wichtige soziale Funktion. Nur sollten dabei nicht die wildwachsenden Erdorchideen ausgerottet werden!! Neben der Kontrolle des Pflanzenschutzes sind umfassende Informationen darüber an die Bevölkerung und ein Ersatz der Orchideenknollen nötig, der als ebenso fancy empfunden wird, aber ein faires Produkt darstellt.

    Um am Salep-Boom gesetzeskonform mitnaschen zu können, versuchen aktuell kleinere Lebensmittelfirmen und riesige Lebenmittelkonzerne einen Spagat zwischen dem eingeführten Begriff „Salep“ und dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen, indem sie, wie anno dazumal in Frankreich, Fertigmischungen anbieten, die allerdings - in der Regel – Salep nicht beinhalten, sondern nur als Titel führen, beispielsweise Express Salep oder Nestlé Salep

    Wer sich selbst - ohne Salep-Fertigmischung und ohne Orchideenwurzel - ein leckeres Neo-Salep-Getränk zubereiten möchte, findet hier auf Wildfind das passende Rezept dazu!

 

  • Salep-Eis   

    Salep-Eis in Griechenland

    Kaimaki-Eis ist eine traditionelle griechische Eisspzialität, die mit Salep hergestellt wird. Wie hier in Zakynthos, wo es neben italienischem Eis angeboten wird und seine Zutaten vorgestellt werden.

    Salep-Eis in der Türkei

    Dondurma ist die türkische Bezeichnung für Speiseeis. Es wird auch unter dem Namen  Maraş-Eis gehandelt, da es in  Kahramanmaraş erfunden worden sein soll. Die Grundzutaten sind Ziegenmilch, Mastix als Aromaspender, Zucker und viel Salep.
    Auf Salep im Eis ist man stolz. Vermittelt es doch neben den Sexmärchen auch ein Eis von gewünschter sehr zäher, klebriger Konsistenz, das der Sommerhitze lange standhält. Jedoch halten die Wildorchideen dem Raubbau nicht stand!

    Dazu ein Auszug aus einem Artikel der BBC NEWS vom 03. 08. 2003 (!) :
    „Wir verkaufen die Milch unserer Ziegen, erzählt ein Hirte, und sammeln Orchideen. Aber die Blumen sind immer schwieriger zu finden - immer mehr Eiscremehersteller verwenden sie und sie verschwinden. Du musst immer höher in die Berge gehen, um sie zu finden." 
    Der Schaden ist so groß, dass Umweltschützer jetzt ein völliges Verbot der Verwendung von Salep in Eiscreme fordern.
    Aber solch drastische Aktionen scheinen bei den Eisfanatikern in der Türkei wenig Unterstützung zu finden. "Wir haben sehr lange Eis gegessen - warum sollten wir aufhören?" sagte einer. " … Der (Eis)Fabrikbesitzer Mehmet Kumble, dessen Familienunternehmen jedes Jahr bis zu drei Tonnen Salep oder zwölf Millionen Blumen verwendet, sagte, er habe keine Pläne, die Produktion einzuschränken… "Es war schon immer etwas Besonderes, weil die Wurzeln wilder Orchideen verwendet werden."
     

  • Kann Salep im Milchgetränk und in der Eisherstellung ersetzt werden?

    Saleppulver kann sowohl bei der Zubereitung des Salep-Getränkes als auch des Salep-Eises ersetzt werden durch Kartoffelstärke, Maisstärke und Reismehl.
    Möglich sind auch hochpreisigere Verdickungsmittel / Bindemittel wie das allseits bekannte Johannisbrotkernmehl und Agar-Agar, desweiteren etliche mit zusätzlichen besonderen Eigenschaften wie Guarkernmehl, Kudzu, Pfeilwurzelstärke (Arrowroot), Tapiokamehl, gemahlene Sassafrasblätter, Lucuma. Letzteres eignet sich für die Herstellung eines sämigen, aromatischen Milchgetränkes für Kinder ganz besonders. 

    Wo jedoch die Kontrolle der Naturschutzgesetze, denen sich auch die Türkei und Griechenland verpflichtet haben, nicht durchgeführt wird, werden zahlreiche Arten von Wildorchideen aussterben, denn der Verbrauch ihrer stärkehaltigen Wurzelknollen hat in den letzten zehn Jahren nicht abgenommen, sondern stark zugenommen: 

    • So nimmt auch in Griechenland die Ernte von Orchideenknollen stetig zu.  (Quelle
      Und in der Türkei werden Schätzungen zufolge jedes Jahr 30 Tonnen Knollen von 38 Orchideenarten geerntet, denn für die Herstellung eines Kilos Salep-Mehl werden - je nach Größe - 1.000 bis 4.000 Knollen benötigt. (Quelle)

      Dieser Raubbau macht sich am Rückgang an Wildorchideen in der Natur stark bemerkbar. Die Nachfrage nach Salep-Knollen ist jedoch nach wie vor im Steigen begriffen, und man bemüht sich weiterhin, den geldbringenden Kundenwunsch zu befriedigen. Versuche, die gewünschten Erdorchideen zu kultivieren, sind jedoch fehlgeschlagen. So wird der große Bedarf durch zumeist illegale Importe aus dem Iran, laut A. Ghorbani von der Universität Uppsala und H. de Boer von der Universität Oslo bereits 2013 geschätzte 7 bis 11 Millionen wild gesammelte Erdorchideen, gedeckt. Die Salep-Knollen werden dabei einfach als minderwertige Nüsse oder andere Produkte falsch etikettiert, um Steuern und Genehmigungsanforderungen zu umgehen. 

Dass es möglich wäre, türkisches Eis ohne Salep auf den Markt zu bringen und zu verkaufen, zeigt eine türkische Eisfirma mit Sitz in Deutschland, die für ihr Maras-Eis kein Salep unterrührt: Auf ihrer Website schreibt sie „ Wir verbinden die unverwechselbare türkische Speiseeistradition mit deutscher Handwerksarbeit.“ (Quelle) … Gemeint ist wahrscheinlich unter „deutscher Handwerksarbeit“ deutsche Gründlichkeit beim Kontrollieren der Naturschutzbestimmungen!

 

 

GEFÄHRDUNGSSTATUS  DES  KLEINEN  KNABENKRAUTES 

 

Dass man keine Orchideen ausgräbt, sollte heutzutage, auch ohne Strafe, eine Herzensangelegenheit und selbstverständlich sein! Aber leider gibt es auch Menschen, die anders denken. Nicht nur Salep-LiebhaberInnen, sondern auch sogenannte GartenliebhaberInnen.

Laut Roter Liste ist der Lebensraum des Kleinen Knabenkrautes und seiner Verwandten weltweit extrem bedroht, und zwar großflächig durch Landwirtschaft, Düngemittel, Beweidung, Entwässerung, Urbanisierung, Tourismus und, je nach Land, zusätzlich durch Pflanzensammlung.
Auch wenn sich das Kleine Knabenkraut gelegentlich in geschützten Lebensräumen wieder vermehrt, handelt es sich nach wie vor um eine seltene Art. In Bezug auf die Populationsdynamik ist es in den letzten 50 Jahren dramatisch zurückgegangen und zeigt sich außerhalb der Schutzgebiete weiterhin abnehmend! 

 

SCHUTZSTATUS  DES  KLEINEN  KNABENKRAUTES

 

Bereits seit 1979 stehen alle wildwachsenden Orchideen in den Ländern, die die Berner Konvention, die einen völkerrechtlichen Vertrag über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume darstellt, ratifiziert haben, unter einem besonderen Schutz.

  • Die Berner Konvention wurde von allen Staaten des Europarates, von 4 afrikanischen Staaten sowie von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union unterzeichnet.  Diese Staaten geben damit ein politisches Signal, auf die Verwirklichung des Vertrages hinzuwirken. 
  • Zur völkerrechtlichen Verbindlichkeit führte die darauffolgende Ratifikation der einzelnen unterzeichneten Staaten. Welche Staaten das sind und dass sowohl die Balkanländer samt Griechenland als auch die gesamte Türkei dazuzählen,  sehen Sie hier mit einem Blick! 

Die EU-Länder verabschiedeten 1992 zu ihrer Umsetzung der Berner Konvention die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz FFH-Richtlinie).  Eines ihrer wesentlichen Instrumente ist die Errichtung eines zusammenhängenden Netzes von Schutzgebieten der EU-Länder, das Natura 2000 genannt wird.

  • So stehen z. B. in Österreich alle einheimischen, wildwachsenden Orchideen  zusätzlich zu den internationalen Schutzbestimmungen - je nach Bundesland - unter vollständigem bzw. teilweisem Schutz, der durch die Bergwacht streng kontrolliert wird. Ebenso in der Schweiz.   Die genaue Bedeutung der Kategorien „vollständig geschützt“ und „teilweise geschützt“ ist je nach Bundesland bzw. Kanton unterschiedlich.

Der weltweite internationale Handel mit wildwachsenden Orchideen und ihren Produkten, zu denen auch Medikamente mit Inhaltstoffen aus Orchideen zählen,  ist seit 1975 durch das internationale Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES im Anhang II geregelt:

  • Um den Schutz wildwachsender Orchideen zu gewährleisten, müssen sowohl die schriftliche behördliche Genehmigung, dass diese Orchideen der Natur entnommen werden durften, ohne dass ihr Fortbestand dadurch gefährdet worden wäre, und eine Exporterlaubnis des jeweiligen Ausfuhrstaates vorliegen. 

Die rechtliche Umsetzung und der Vollzug der unterschriebenen Verträge  obliegen allerdings jedem einzelnen Mitgliedstaat, da CITES nicht in die Souveränität eines Staates eingreift.

Nationaler Handel wird durch die jeweiligen Gesetze der einzelnen Staaten bzw. Bundesländer geregelt, wobei auch hier als Mindestschutz der Schutz der Wildorchideen durch die Berner Konvention und der besondere Schutz durch das Washingtoner Artenschutzabkommen gilt – auch für die Türkei und für Griechenland!

Kontrolliert wird der Handel mit Orchideen und ihren Produkten u. a. durch den Zoll. Illegaler Handel und Besitz kann sehr hohe Geldstrafen nach sich ziehen! Rechtsbrecher mögen bedenken, auch das Internet ist kein rechtsfreier Raum und selten bewegt sich jemand wirklich anonym durch das Netz.
In den Ländern Mittel- und Nordeuropas wird der Schutz der Orchideen zusätzlich durch die Ausgrabungsüberwachung der Unteren Landschaftsbehörde / Naturschutzbehörde und durch die Polizei kontrolliert – und so den Wildorchideen in diesen Räumen ihr Überleben erleichtert.

Dazu ein großartiges Beispiel für die Bekämpfung des illegalen Handels mit bedrohten Arten der Stadt Köln, Ende 2015: „Eine Arbeitsgruppe von Professor Dietmar Quandt hat es durch ein aufwendiges Analyseverfahren geschafft, in einer der Getränkeproben die DNA von Erdorchideen nachzuweisen. Dieser eindeutige Nachweis von Salep in einer der Proben konnte im Frühjahr dieses Jahres von der Unteren Landschaftsbehörde der Stadt Köln als Beweismittel in einem Gerichtsverfahren erfolgreich verwendet werden. Die Möglichkeit bei einem Gemisch verschiedener Inhaltsstoffe konkrete DNA-Nachweise zu erbringen, stellt einen Meilenstein in der Bekämpfung des illegalen Handels mit bedrohten Arten dar.“ (Quelle

 

Ein weiters Beispiel von Kontrolle des Schutzstatus der Wildorchideen, unter denen, wie wir wissen, das Kleine Knabenkraut eine bedeutende Rolle spielt, liefert der folgende aktuelle, Wildfind zugesandte Bericht über illegale Salep-Sammelei:

Sehr geehrte Frau Fuchs,

finde gerade auf Ihrer sehr schönen Website die Angaben zu Salep. - Sie weisen ja selbst schon auf die Problematik der Salep-Sammelei in der Türkei hin. Die bezeichneten angeblichen physiologischen Wirkungen sind im übrigen schlecht belegt bzw. nicht vorhanden. Vermutlich stammt das eigentliche Interesse an der Wilddroge eher aus der Signaturlehre in alter Zeit: Salep wurde vor allem als potenzsteigerndes Mittel von Männern konsumiert. Ursache dafür sind die oft paarigen Knollen des Knabenkrautes (daher auch der deutsche Name!), die an Hoden erinnern... Der Irrsinn treibt bis heute Blüten: Ich sprach vor wenigen Jahren mit Naturschützern auf Öland (S-Schweden). Diese waren auf das plötzliche Verschwinden etablierter Orchideenpopulationen aufmerksam geworden. Nachforschungen der Polizei ergaben, dass in Kalmar lebende türkische Bürger regelmäßige Sammelaktionen in Öland durchführten. Einige Standorte waren in der Folge erloschen. - Bitte machen Sie das auf Ihrer Seite (auch im Interesse der Erhaltung der in der Türkei noch vorhandenen Orchideenbestände) sehr deutlich - Salep hat keine Wirkung (Zimt, Zucker und Milch tun dasselbe) und Angaben über angebliche Farming-Herkünfte zu Pflanzenmaterial aus den Mittelmeerländern sind mit Sicherheit Fake-Infos, um den westeuropäischen Konsumenten ökologische Sicherheiten vorzugaukeln!

Bernd Weber

Diesem Wunsch nachzukommen, war uns Anstoß, die Situation der Gefährdung der wildwachsenden Erdorchideen am Beispiel des Kleinen Knabenkrautes noch ausführlicher als bisher darzulegen, Verständnis und Rücksicht zu wecken und eindringlich auf den rettenden Schutzstatus hinzuweisen! 

 

 

 

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