Wildpflanzen als Nahrung
Das Sammeln von Wildpflanzen war bzw. ist seit Millionen von Jahren die entscheidende Überlebenstechnik der Menschen.
Klimaveränderungen und wechselnde Umwelteinflüsse zwangen von Beginn an alle Lebewesen, sich immer wieder anzupassen, um überleben zu können. Die einheimischen Wildpflanzen sind deshalb an unser Klima angepasst und gedeihen hier ohne chemische Zusatzbetreuung. Die essbaren unter ihnen bringen dem Menschen, sinnvoll und maßvoll verwendet, nur Gutes, denn unsere genetische Ausstattung baut auf dem auf, was unsere Vorfahren als Nahrungsquelle vorgefunden haben!
Wildpflanzen von Anfang an
Wildpflanzen von Anfang an
Ihre Lebenskraft spendende Energie erwiesen die kleinen und großen Wildpflanzen von Anfang an. Sie sicherten über Jahrtausende hinweg die Existenzgrundlage der Urmenschen, denn das Jagdglück, so sehr es erfleht und erstrebt wurde, war den besonderen, seltenen Tagen vorbehalten. Forscher um Anna Revedin vom Italienischen Institut für Vor- und Frühgeschichte in Florenz entdeckten an Steinwerkzeugen, die ähnlich wie Mörser und Stößel verwendet wurden, Stärkespuren der Wurzeln von Rohrkolben und Farn. Diese Stärke ist für Menschen allerdings nur gekocht bzw. gebacken verdaulich!
Manche Wilde werden gezähmt und geopfert
Manche Wilde werden gezähmt und geopfert
Erst in der Jungsteinzeit ermöglichte eine günstige Klimaänderung den Menschen in Europa die Neolithische Revolution, den Übergang vom Wildbeuter zum sesshaften Bauern mit domestizierten Tieren und kultivierten Pflanzen. Die Archäobotanik verrät uns, dass trotzdem nicht auf essbare Wildpflanzen wie Ampfer, Beifuß, Brennnessel, Klee, Lein, Melde, Mohn, Knöterich, Wacholder, Wegerich, Weißer Gänsefuß, Wegwarte, Wiesenkümmel, Wilde Möhre, Wildbeeren, Wildobst verzichtet wurde. Und nur das aktuell Beste davon ist gut genug als Gabe an die Götter, wie Mag. Dr. A. G. Heiss am Beispiel eines frühgeschichtlichen Ritualplatzes im Ultental dokumentierte. Auf diesem Platz kommen auch jetzt noch die Bauern aus dem Tal und von den Bergen zusammen, um an dieser uralten Kultstätte ihr alljährliches Erntedankfest zu feiern.
Kelten und Germanen waren dem Grün nicht abgeneigt
Kelten und Germanen waren dem Grün nicht abgeneigt!
Die Archäobotanik verrät uns, dass trotz kultivierter Grasarten und Hülsenfrüchte weder bei den Kelten noch bei den Germanen auf Wildpflanzen verzichtet wurde. Ampfer, Beifuß, Beinwell, Brennnessel, Disteln, Guter Heinrich, Melde, Klee, Knöterich, Lein, Mädesüß, Malve, Portulak, Quendel, Wacholder, Wegerich, Wegwarte, Weißdorn, Weißer Gänsefuß, Wiesenknopf, Wiesenkümmel, Wilde Möhre, Mohn, Hauswurz, Wildbeeren, Wildobst … waren heiß begehrt und blieben über Jahrhunderte, besonders bei Ernteausfällen, Kriegszeiten und Nachkriegszeiten überlebenswichtig!
Die Germanen begannen, essbare und heilende Wildpflanzen in die Nähe ihrer Gehöfte zu holen und umschlossen sie gemeinsam mit ihren Kulturpflanzen (Lein, Rüben, Pastinaken, Ackerbohnen, Linsen, Erbsen, Gerste, Hirse, Hafer, Roggen, Emmer, Einkorn, Dinkel, Weizen) mit einer schützenden, nährenden Hecke.
Der erste mitteleuropäische Garten, der „Hag“, war geboren und enthielt eine Vielfalt an essbaren Wildpflanzen!
Diese nahrhafte Hecke der Germanen und Kelten war in ihrem Verständnis ein Reich der Feen, Geister und Göttergestalten, ein Reich aus früchtetragenden, oft dornigen Wildsträuchern und Kleinbäumen, das naturgemäß Öffnungen und Durchlässe aufwies zwischen Hier und Dort. Sie bestand aus Sträuchern, die neben ihrer Essbarkeit auch anderen Nutzen erbrachten:
- Wacholder, Weißdorn bzw. „Hagedorn“ und Schlehdorn, die die unheimliche „Hagzissa“ bannten
- Holunder, der der guten Frau Holle Heimstatt gab
- Wildrosen bzw. Hagerosen, Apfelrose, Heckenrose, Berberitzen, Haselsträucher, Weiden, Hain- bzw. „Hagebuche“, Wildapfel, Mehlbeeren . Ihre Früchte waren Nahrung, ihr Holz Brenn-, Bau- und Flechtmaterial, Weidenrinde Teil ihrer Medizin.
Das germanische Wort „haga“ für „Umzäunung, Gehege“, umfasst übrigens auch den Begriff „Schutz“, der weiterlebt in den Wörtern „hegen“ und „behaglich“. Begriffe, ohne die auch heute ein Garten unvorstellbar ist!
Bestand die Umzäunung aus Trockenmauern, Wänden (= Gerten winden und mit Lehm bestreichen) oder aus Flechtwerk von Weiden- bzw. Haselnussgerten, wurde dieses geschützte Stück Land als „gerd bzw. gard“ bezeichnet, und der Weg zu unserem Wort „Garten“ war nicht mehr weit.
Wildpflanzen auch im Klostergarten
Wildpflanzen auch im Klostergarten
Die Form des germanischen Gartens, und somit die Wertschätzung essbarer Wildpflanzen, übernahm auch Benedikt von Nursia (480 – 547 n.Chr.), der Gründer des Benediktinerordens, in seine Klosterregeln, die u.a. einen Nutzgarten mit zusätzlichen Heilpflanzen und - im Gegensatz zu den Wohlhabenden - einfache Nahrung ohne Fleisch von vierfüßigen Tieren vorsahen. Außerdem waren die Ordensleute beauftragt, nach nährenden und heilenden Pflanzen auch in der Wildnis zu suchen.
Kaiserliche Wildpflanzen
Kaiserliche Wildpflanzen
Kaiser Karl der Große (747 – 814) war in Bezug auf Landwirtschaft ein „Fan“ des Benediktinerordens, dessen Gründungskloster Montecassino er kannte. In einem Garten sah er eine zusätzliche Möglichkeit, Hungersnöte zu bekämpfen. (Im Hungerjahr 784 soll ein Drittel der europäischen Bevölkerung gestorben sein und die Katastrophen rissen nicht ab.) Karl der Große führte die ertragssteigernde Dreifelderwirtschaft ein und verpflichtete alle Klöster und kaiserlichen Güter, einen Nutzgarten nach benediktinischem Vorbild anzulegen. So finden sich unter den Obstbaumarten und Kulturpflanzen für Acker und Garten auch mediterrane Heilpflanzen und besonders viele mitteleuropäische essbare Wildpflanzen / Heilpflanzen in seiner Anbauvorschrift, dem 70. Kapitel des „Capitulare de villis“.
Das Recht auf Nutzung von wilden Tieren und wilden Pflanzen im Mittelalter
Das Recht auf Nutzung von wilden Tieren und wilden Pflanzen im Mittelalter
Auch die „kleinen“ Bauernfamilien und die Besitzlosen (Wildsammler!), die sowohl zu den Klöstern als auch zu den erfahrenen „Kräuterweibern“ rege Kontakte hielten, lernten und profitierten von deren Gärten und Wildkräuterwissen. Ihr erweitertes Gebrauchswissen über Sammelpflanzen rettete sie oft vor Krankheit und Hunger, vor allem dann, als ihnen im Laufe des Mittelalters das Recht auf Jagen und Fischen, das ursprünglich in der Allmende enthalten war, durch die Grundherren genommen wurde. Sie mussten sich auf das Fangen von Kleingetier wie Frösche und Ratten etc. und auf das Plündern von Vogelnestern beschränken (Eier und Jungvögel. Diese wurden mit Fäden fixiert und, sobald sie von den Vogeleltern groß gezogen worden waren, verspeist.) oder sie verschrieben sich der lebensgefährlichen Wilderei. Das Recht auf Nutzung essbarer Wildpflanzen blieb bestehen.
Essbare Wildpflanzen werden verleugnet, aber sie sind treu
Essbare Wildpflanzen werden verleugnet, aber sie sind treu
Allerdings zeichnete sich bereits im Mittelalter die zwiespältige Einstellung der Menschen, auch des sogenannten „kleinen Mannes“, zu ihren nahrhaften und gesunden Wildpflanzen ab: Einerseits wurde ihnen durch die Essgewohnheiten der Reichen, die sich hauptsächlich von Fleisch und Weißbrot ernährten und Gemüse, Roggen und Vollkorn nicht schätzten, vor Augen geführt, dass sie sich das nicht leisten können und „arm“ sind, anderseits wussten sie von der Kraft der Wildpflanzen, die Getreidebrei und Bohnengericht ergänzten und ihnen Gesundheit schenkten.
So schielten sie nach den Essgewohnheiten der „Stars“ und, sobald sie es vermochten, übernahm ein Großteil diese und verbannte die wilden Nahrungspflanzen (Ampfer, Brennnessel, Malve, Portulak, Barbarakresse, Melde, Rapunzelglockenblume, Klette, Alant …) und alte Kulturpflanzen (Dicke Bohne, Linsen, Hirse, Gerste, Roggen, Buchweizen …), die für sie nur mehr mit Not und Armut verknüpft waren, vom Speisezettel, … um sich allerdings in Not- und Kriegszeiten wieder an sie zu erinnern, um mit ihrer Hilfe zu überleben, wie ein Beispiel unter Abertausenden zeigt: Peter Od., ein hochgewachsener, schmaler ungarischer „Prinz“, dem sein Wissen über essbare Pilze in den Kriegswirren des 2. Weltkrieges im Land Salzburg das Leben rettete.
Auch Astrid Scharlau schildert aktuell in ihrem spannenden Buch über griechisches Alltagsleben im 20. Jahrhundert „Zwei Türen hat das Leben. Erinnerungen von Dimitris Mandilaras“, wie die Menschen der entlegenen Dörfer der Insel Naxos während der italienischen Besatzungszeit durch ihre „Horta“ (= essbare Wildpflanzen) überlebten, „solange sie Olivenöl hatten“.
Wildpflanzen nähren (nur mehr) die Seele
Wildpflanzen nähren (nur mehr) die Seele
In der Wirtschaftswunderzeit nach dem zweiten Weltkrieg verschwanden Wildpflanzengerichte fast ganz aus der Küche. Nur vereinzelt wurden welche verspeist, und zwar solche, die durch angenehme Kindheitserlebnisse - wie am Wegrand naschend pflücken oder glücklich satt - so positiv verankert waren, dass sie das Stigma der Not abstreifen konnten und als „Soul-Food“ immer wieder Geborgenheit und Heimat vermittelten: Heidelbeer-, Himbeer- und Brombeergerichte, Kartoffelsalat mit Löwenzahn oder Brunnenkresse, Brennnessel- und Pilzgerichte, Grüne Suppe (Gründonnerstagssuppe), Grüne Soße, Tannenwipfel- und Löwenzahnhonig, Hollermus, frischer Sauerampfer, Stängel des Wiesen-Bocksbarts, Einzelblüten des Rotklees und der Taubnessel, mit Steinen aufgeklopfte Nüsse, Erdbeer- und Preiselbeermarmelade, Vogel- und Kornelkirschen, Schlehenlikör, Wurzelschnäpse …)
Das neue Jahrtausend entdeckt die essbaren Wildpflanzen
Das neue Jahrtausend entdeckt die Wildpflanzen
Erst in den letzten Jahren wurden immer mehr Wildpflanzen für Gaumen und Gesundheit wieder entdeckt. Wie kam es dazu? - Da gibt es nicht nur einen Grund, sondern es wurde die aktuelle, nicht aus Not geborene Wiederentdeckung der Wildpflanze als Nahrung von einem ganzen Bündel an Ursachen ausgelöst, gleich wie sich die medizinische Wirkung der Wildpflanze auch aus dem Zusammenspiel vieler Inhaltsstoffe herleitet!
Ein Paradigmenwechsel wurde in Gang gesetzt, den bereits Joseph Beuys (1921 - 86), der sich in seinem umfangreichen Werk auch mit Fragen des Humanismus und der Sozialphilosophie auseinandersetzte, so formulierte „Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten.“
Dieser Einstellung kamen frühzeitig, idealistisch und in ihrem Wissen um die Bedeutung der Wildpflanzen, Einzelne nach, oft gegen große Widerstände der Umgebung! Sie erhielten Verstärkung von Menschen, die in der Natur Erholung suchen von ihrer stressigen Arbeitswelt, weg wollen von virtuellen Identitäten, von täglichen Fertiggerichten, Fast Food, weg vom Konsumzwang angepriesener, naturidentisch aromatisierter, mit „gesunden“ Stoffen angereicherter Lebensmittel. Sie möchten sich ein Stück Selbständigkeit bewahren, sich spüren können, Verantwortung übernehmen für eine gesunde, bunte, wert-volle Welt, in der es nicht nur Hektik gibt, sondern auch Zeit für Aufmerksamkeit.
In diesem Trend tauchen neue Namen auf wie Green Lifestyle
und auch alte Namen wie Kneipp
Wirtschaft, Gastronomie, Tourismusbranche, Mode, Architektur, Lebensmittelindustrie, Kosmetikindustrie und die Pharmakonzerne nützen diesen Trend, legen ihre Hand an und auf die Wildpflanzen.
Wildpflanzen-Luxusmenüs werden von Haubenköchen zelebriert und von ihrem Klientel interessiert verkostet. Sie sollten sie als Anstoß nehmen, sich selbst auf den Weg zu machen, auf den Weg zu den Wildpflanzen! Das Wunderbare an unseren Wildpflanzen ist nämlich, dass sie von uns gestressten Menschen der reichen Länder gefunden werden wollen, dass bereits der Weg zu ihnen schon das Ziel, nämlich Entspannung und Gesundung an Leib und Seele für a l l e , sein kann.
Für diesen Weg möchte Ihnen wildfind Sicherheit vermitteln im genauen Erkennen von giftigen und essbaren Wildpflanzen und in ihrer heilenden und sättigenden Anwendung.